Das Monster unter dem Bett

Florian Wirtz, Bayer Leverkusen, ärgert sich über Niederlage gegen Mainz 05

Oh, Schreck. Eine Niederlage! Ich hatte schon fast vergessen, wie sich das anfühlt. Schließlich gab es an den letzten Fußballwochenenden wenig Grund zum Ärgern. Gut, eigentlich gab es gar keinen Grund. Es war einfach richtig geil.

Gestern hingegen gab es sehr viele Gründe, sich zu ärgern. Über den Schiri. Über Dominik Kohr. Über die Stinkefinger-Clowns auf der Tribüne. Vor allem aber über die Leistung der Werkself. Oh ja, darüber konnte man sich sehr, sehr intensiv ärgern. Bis 2 Uhr nachts in meinem Fall. Dann hat mich der Schlaf erlöst. 

Heute Morgen, als ich mir dann mit müden Augen die Reaktionen zum Spiel auf twitter und Co. angesehen habe, war ich etwas überrascht. Grundsatzdiskussionen überall. Zweifel an der Vereinsphilosophie, dem Trainer, den Transfers, dem Torwart, eigentlich an jedem, der mit dem Verein zu tun hat. Klar, dieses “Hü” oder “Hott” ist im Fußball nicht neu – und bei Bayer Leverkusen gehört es sowieso zum Fan-Einmaleins. Aber ich mache da nicht mehr mit. 

Nur weil wir gestern gegen Mainz (absolut verdient meiner Meinung nach) verloren haben, müssen wir nicht alles und jeden infrage stellen. Kritik an der Abwehr, am Zweikampfverhalten, von mir aus auch an der Mentalität – berechtigt und wichtig. Aber zwischen Weiß und Schwarz darf es auch ein paar Grautöne geben. Niederlagen gehören dazu. Und, um hier das Plattitüden-Feuerwerk endgültig zu zünden, in so einer jungen Mannschaft sind Niederlagen ein ganz normaler Teil des Entwicklungsprozesses. 

Stichwort Entwicklung: Wenn wir von der Mannschaft erwarten, dass sie wächst und reifer wird und die negativen Ausschläge im Laufe einer Saison besser in den Griff bekommt – dann sollten wir Fans das vielleicht auch mal versuchen. Das große Ganze betrachten. Nicht immer die Wellen mitnehmen und wenn es mal nicht läuft, gleich am eingeschlagenen Weg zweifeln. 

Dieses Schwarz-Weiß-Denken beherrschen die Medien in Perfektion. In der 75. Minute gestern waren wir die Werkself, die enge Spiele im Stile einer Spitzenmannschaft gewinnt. Und beim Stand von 2:3 hat uns der DAZN-Kommentator die notwendige Mentalität abgesprochen, um den nächsten Schritt auf der Entwicklungsleiter zu gehen. Das sind die Medien. Keine Fans. Für die sind Emotionen zweitrangig. 

Wir Fans aber sollten es besser wissen. Wir sind näher dran am Verein. Wir sind länger dabei. Deshalb sollten wir hin und wieder die Erwartungshaltung neu justieren und hinterfragen. Wie gut ist die Mannschaft wirklich? Wie gut ist die Konkurrenz? Wie entwickeln wir uns? 

Meine Meinung: Platz 2-4 ist realistisch – alles andere wäre eine Sensation oder eine große Enttäuschung. Zu mehr reicht es mit diesem Kader in dieser Saison meiner Meinung nach nicht. Und hier sind wir absolut im Soll. Also: Warum der ganze Stress?

Wenn wir nicht jedes Spiel vor dem übergroßen Ziel “Titel” sehen, erschrecken wir uns auch nicht bei jeder Niederlage wie vor dem Monster unter dem Bett. Wenn man weiß, dass das Monster da ist und es akzeptiert, verliert es an Schrecken – und man träumt trotz ärgerlicher 90 Minuten am Freitagabend vom großen Titel. 

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Maximilian Kuske

Kann da nur voll und ganz zustimmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir aktuell meist die jüngste Elf der Liga sind. Was die Jungs mit 18,19,20 immer wieder leisten ist doch einfach schön anzuschauen. Dazu Andrich, ein Mann, auf den Mann gefühlt jahrelang gewartet hat, quasi ein bisschen Bender in gesundem Körper. Mit Platz 3 könnte man am Ende der Saison doch voll zufrieden sein. Natürlich rege ich mich in und um die Spiele wie gestern fürchterlich auf. Nach einer Mütze Schlaf sieht dqs aber auch schon wieder besser aus. Viel eher hoffe ich auf eine saftige Ansage an Cortus… Weiterlesen »