Schwarz/Weiss statt Schwarz/Rot – Die Frage nach dem Schuldigen (und warum es der Trainer nicht allein ist!)

Peter Bosz, Trainer von Bayer 04 Leverkusen: Ist er schuld an der Krise? Eine Analyse im Bayer 04 Blog Pillenliebe.

Die wärmende Frühlingssonne lacht durch das Fenster. Draußen höre ich irgendwo fröhliche Kinderstimmen. Ein schöner Sonntag am letzten Februartag. Und hier in meinem stickigen Dachgeschoss? Hier blüht höchstens die Wiese aus Mittelfingern. Ja, sorry. Ist halt gerade so. Wie soll man sich als Leverkusen Fan auch sonst fühlen aktuell?

Euch geht es da wahrscheinlich ganz ähnlich, sobald das Thema auf Bayer 04 fällt. Man ist geneigt, jemandem die Schuld zu geben. Man sucht Antworten auf die typischen Fragen, die in einer sportlichen Krise wie Unkraut aus dem trockenen Boden sprießen: Wer hat das verbockt? Wer steht dem Erfolg im Weg? Wer muss gehen, damit es wieder besser läuft?

Gibt es den einen Schuldigen?

Ich werde nach diesem Blogbeitrag raus in die Sonne gehen, soviel steht fest. Aber was kann ich tun, um mir das Thema Bayer 04 von der Seele zu schreiben? Vielleicht hilft es, die Schuldfrage mal anders zu sehen.

Was ist, wenn es den einen Schuldigen gar nicht gibt? Natürlich trägt in erster Linie der Trainer die Verantwortung für das, was auf dem Platz funktioniert (oder aktuell eben nicht funktioniert). Aber glaubt ihr wirklich, dass es den einen faulen Apfel im Korb gibt, der alle anderen verdirbt? Ich habe da meine Zweifel.

Niklas Lomb ist kein Bundesligatorwart

Lasst uns über die Torwartposition sprechen. Niklas Lomb hat sich gegen Augsburg und Bern folgenschwere Patzer geleistet. Und? Das kommt vor. Er ist nun mal kein Bundesligatorwart, sondern eigentlich nur als Nummer drei eingeplant. 

Außerdem standen gegen Augsburg und Bern noch 10 andere Spieler auf dem Platz. Unter anderem Demirbay, Schick, Aranguiz, Bender und Wendell – allesamt Spieler, die mehr Erfahrung und mehr Qualität mitbringen als Lomb. Von Spielern mit Champions-League-Ambitionen (Demirbay hat ja keine Lust auf Europa League) MUSS man mehr erwarten. Statt auf Lomb zu schimpfen, sollten wir uns nicht eher die Frage stellen: Warum sind wir auf einen Torwart angewiesen, der offenbar mit der schwierigen Situation überfordert ist?

Völler und Rolfes haben falsche Personalentscheidungen getroffen

Geht es um die Namen Völler und Rolfes, scheint die Tastatur einiger “Fans” nur noch aus Versalien und Ausrufezeichen zu bestehen. BENEHMT EUCH!!!! Klar, das Problem auf der Torwartposition geht auf die Kappe der Personalabteilung. Lennart Grill scheint (noch) nicht die Qualität zu haben, um uns helfen zu können. Unter dem Strich ist das ist ein bisschen dünn geplant für einen Verein, der in allen Pokal-Wettbewerben bis zum Schluss (also Achtelfinale DFB Pokal und Sechzehntelfinale Europa League) mit dabei sein möchte. 

Also sind Völler und Rolfes schuld? Jein. Auch hier weigere ich mich, alles Schwarz-Weiß zu sehen. Sicher ist in der Kaderplanung einiges schief gelaufen. Neben einer soliden Nummer zwei fehlt mir zum Beispiel ein erfahrener Offensivspieler, als Backup für Wirtz und Amiri (Nein, nicht Demirbay!). In Monaco läuft so einer rum, der uns aktuell ganz gut tun würde. Die Sache ist: In der Hinrunde hat es wunderbar geklappt. Alle waren zufrieden, wenn nicht sogar überrascht von den guten Leistungen. Aber jetzt, da unsere Mannschaft kollektiv im Formtief steckt, ist das alles vergessen. Wir hinterfragen alles: den Trainer, die Mannschaft, den Vorstand, den Verein. Bisschen viel Drama, findet ihr nicht auch?

Wir wussten doch, dass es so kommt. Etwa alle zwei Jahre ist es wieder soweit: Scheiß auf die Saisonziele, der Bayer verkackt jetzt so richtig! Erinnert Ihr Euch an das tolle 1:1 vor 16.000 Zuschauern gegen den ruhmreichen FK Krasnodar im Achtelfinale der Europa League 18/19? Danach war Schluss. Den DFB Pokal hatten wir drei Wochen vorher mit einem 1:2 gegen den 1. FC Heidenheim in die Tonne gekloppt. Damals war Peter Bosz seit gut zwei Monaten unser Trainer. 

Peter Bosz findet keine Lösungen für die offensichtlichen Probleme

Ok, reden wir über den Coach. Welchen Anteil trägt er an der Entwicklung? Einen mittelgroßen würde ich sagen. Ich sehe wenige Lösungsansätze, die den verunsicherten Spielern weiterhelfen. Es kann nicht der Plan sein, einfach blind hohe Bälle in den Sechzehner zu kloppen. Mittlerweile sollte es ja nicht mehr überraschen, dass die Gegner sich auf uns einstellen und hinten alles verriegeln. Was ist die Spielphilosophie? Wofür wollen wir stehen? Wie geben wir verunsicherten Spielern einen Plan an die Hand, mit dem sie zurück in die Spur finden? Auf diese Fragen muss Bosz Antworten finden. Ich traue ihm das zu.

Die einfachste Lösung, die schnell zur Hand ist, lautet Trainerwechsel. Da ist das böse Wort also doch noch! David Wagner, Lucien Favre, Sandro Schwarz: Wer soll’s machen? Und vor allem: Wer soll es besser machen als Bosz? Ich habe überhaupt keine Lust auf eine Trainerdiskussion. Nicht. Schon. Wieder! 

Nach der Saison müssen wichtige Entscheidungen getroffen werden

Es muss sich etwas ändern, das ist klar. Am besten auf dem Platz heute Abend gegen Freiburg. Dann kehrt erstmal etwas Ruhe ein. 

Und langfristig? Ich denke, dass nach der Saison auf allen Ebenen wegweisende Entscheidungen getroffen werden müssen. Sowohl im Team selbst (Wie ersetzen wir die Benders und welche Spieler helfen uns, konstanter zu werden?). Auf der Trainerposition (Wie wollen wir zukünftig spielen lassen?). Und im Vorstand (Was sind die Ziele von Bayer 04 und wer verkörpert sie?). 

Eine Entscheidung treffe ich jetzt schon für mich selbst: Ich werde mir heute Abend ein Bierchen aufmachen, das Spiel ansehen und riskieren, dass mir der Bayer den Sonntagabend versaut. Entweder ganz oder gar nicht. 

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