Keine Zeit für Träumer

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Der Fußballfan an sich ist ja nicht gerade dafür bekannt, Sachverhalte reflektiert zu betrachten. Erst recht nicht, wenn es um den eigenen Verein geht. Wir Fans von Bayer 04 Leverkusen beherrschen das Spiel „Ja nein Schwarz Weiß“ aber wohl so gut wie keine andere Spezies in der Bundesliga. Wie sonst lässt sich erklären, dass nach dem 2. Spieltag schon alles schlecht ist, was vor drei Wochen noch gefühlt zur Meisterschaft gereicht hat? Die Bayern? Angreifbar! Unser Kader? Der beste aller Zeiten! Die Meisterschaft? Wenn der Nagelsmann das sagt!

drei spiele – drei mal schlecht

Natürlich war das 1:3 gegen Wolfsburg lächerlich schwach, die zweite Halbzeit beim 0:2 in Mönchengladbach ebenso und der Auftritt in Pforzheim hat bei seinem Anspruch als Lustmacher auf eine geile Spielzeit auch kläglich versagt. Unterm Strich: ein beschissener Start in die Saison!

Nun ist es aber so unterm Bayerkreuz, dass wir mit beschissenen Starts eher schlecht umgehen können. Denn die machen die schöne Euphorie kaputt, die wir uns über die Sommerpause so fleißig anttrainiert haben. Und wenn ein Bayerfan mal euphorisch ist, dann hat die Mannschaft gefälligst gut zu spielen!

ENttäuschte egos im stadionbus

Wenn sie das nicht tut, dann ist offenbar selbst der Sitzplatz im Stadionbus wichtiger als die letzten Minuten eines – zugegebenermaßen – sehr schlechten Spiels gegen die Mannschaft von Bruno Labbadia. Man hätte pfeifen können, man hätte sich noch eine Bratwurst holen können, man hätte einfach da sitzen bleiben und unzufrieden sein können. Das ist nun mal Bayer 04 Leverkusen – das ist nun mal Fan-Sein.

MEHR VON PILLENLIEBE

Stattdessen stapfen sie wie beleidigte Kinder nach Hause. Motzig darüber, dass der böse Bruno aus Blödhausen mit ihrer kleinen Euphorie-Fee die Biege gemacht hat. Statt die Situation zu akzeptieren und mit etwas Abstand zu analysieren, kippt der gemeine Bayerfan seinen Frust in die sozialen Netzwerke. Und nach einigen Stunden intensiven Austauschs mit anderen Enttäuschten erscheint die Rettung der geschundenen Fan-Seele doch gar nicht mehr so fern.

Zwei Wörter schon lassen den Chemiewolken getränkten Himmel über der BayArena wieder rosa-rot erstrahlen, Meisterträume wahr werden und alle ertragenen Qualen endlich lohnenswert erscheinen: Ralph Hasenhüttl. Der Retter in unserer so großen Not nach dem 2. Spieltag.

wir verlieren die spiele im kopf

Mal ehrlich, Leute: Glaubt ihr mit dem wird das besser? Das ist keine Trainerfrage, sondern eine Frage der Geilheit und des unbedingten Willens, ein Spiel zu gewinnen. So wie es unser Ersatztorwart Ramazan Özcan nach der Partie ja schon auf den Punkt gebracht hat. Und ich glaube nicht, dass man das trainieren kann. Das hat man einfach – oder eben nicht.

Außerdem wehrt sich in mir alles dagegen, nach zwei gespielten Bundesligapartien alles zu hinterfragen. Heiko Herrlich hat vergangene Saison gute Arbeit geleistet und uns zurück nach Europa geführt. Ja, es war mehr drin.
Aber das können wir auch diese Saison noch erreichen!

Keine Toleranz für schlechte Phasen

Wir sollten unser Schwarz-Weiß-Denken mal hinterfragen. Ich vermisse den Spielraum für Phasen, in denen es einfach mal scheiße laufen darf und das Sitzfleisch, um schlechte Ergebnisse mit einer gesunden Portion Geduld auszuhalten. Die Spieler, denen wir jeden Samstag zujubeln, sind teilweise noch nicht mal 20 Jahre alt. Und dann sehe ich im Stadion gestandene Männer, die den jungen Burschen auf dem Platz auspfeifen, weil er gegen Wolfsburg verliert. Nur damit sich das eigene Ego nicht mit der ganzen Unzufriedenheit herumschlagen muss.

Die Euphorie ist ein mieser Verräter, weil sie uns immer vorgaukelt: Diese Saison wird’s was mit dem Titel. Und jedesmal glauben wir dran. Es ist ja auch noch nicht zu spät dafür. Mein Gott, es sind erst zwei Spiele gespielt! Ich persönlich vertraue Heiko Herrlich und unserer Truppe.  Zu einer Saison gehören eben auch Fehlstarts, Krisen und ärgerliche Niederlagen. Und zum Fan-Sein gehört Unzufriedenheit. Kommt damit klar!

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4 Kommentare

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  • Hmmmm…
    Wäre ich nicht schon 42 Jahre Bayer Fan, ich war nah dran des standing Ovation ob dieses Statements.
    Wenn ich mir dann allerdings die Weiterentwicklung dieser Truppe die ich wirklich nicht Mannschaft nennen kann ansehe, habe ich da so meine Zweifel. Wenn das alles richtig ist was du da schreibst wäre es ja uninteressant wer der Trainer dieser Truppe ist. Das ist mitnichten so. Ein Trainer ist dafür verantwortlich wie das Gesicht der Mannschaft aussieht. Eine große Schuld wenn man von Schuld sprechen kann obliegt doch hier die des Managers der anscheinend nicht in der Lage ist die richtigen Spieler einzukaufen um eine eine Mannschaft mit Willenskraft auf den Platz zu bringen. Welche Möglichkeiten haben wir Fans anders als schon seit Jahren unseren Unmut mitunter in den sozialen Netzwerken kundzutun. Da die Spieler von Bayer 04 sowie der Vorstand und der Trainerstab hier in Ruhe gelassen werden, wird sich hier so schnell nie etwas ändern. ( wohlfühloase) Wenn ich die Mannschaften die wir in den letzten Jahren hatten Revue passieren lasse und Titel dagegen Stelle kann der ganze Verein sich glücklich schätzen dass noch nicht viel mehr passiert ist als das dass wir drüber schreiben oder sprechen. Ich jedenfalls habe die Nase voll davon jeden Samstag oder Sonntag Statements zu lesen oder zu hören wie sie es besser machen können aber es passiert absolut nichts. Keine Weiterentwicklung der Mannschaft kein Spielsystem kein Wille einfach nur grottenschlecht. Von Europa ganz zu schweigen.

    • Du hast sicher Recht damit, dass wir unser Potenzial nicht voll ausschöpfen. Ich hätte manchmal auch gerne lieber eine offensive Kampfansage als politisches Understatement von unseren Bossen. Für uns Fans fühlt sich das an, als würde der Verein den Spielern hier Raum zum Scheitern zugestehen. Das sind aber Dinge, die – meiner Meinung nach – nicht primär mit unserer jetzigen Situation zu tun haben. Das Wort „Wohlfühloase“ geistert ja schon seit Jahrzehnten durch die BayArena. Und es wird immer wieder aus den verstaubten Schubladen geholt, wenn es mal gerade nicht läuft. Heiko Herrlich hat in der letzten Saison ein Team geformt, das nach Roger Schmidt ein Trümmerhaufen war. Kein Jahr später schlagen hier alle wieder Alarm, weil wir zwei Spiele hintereinander verloren haben. Das ist genau das Schwarz-Weiß-Denken, was ich im Beitrag beschreibe. Lasst dem Trainer doch mal Zeit, mit der Mannschaft zu arbeiten und geht mit eurer Geduld in Vorkasse. Wir sind Fans und haben uns den Verein ausgesucht. Das heißt aber auch, dass wir die schlechten Seiten akzeptieren müssen.

  • Wenn wir hier unter uns mal ganz ganz ehrlich sind: die 2. Hälfte der Rückrunde war bereits grottig, CL locker verspielt, das Derby schrecklich. Die Vorbereitung, mit nur einem echten Gegner 0:3 untergegangen. Das Pokalspiel grottig. Ich weiß echt nicht, wer da vor kurzem noch euphorisch gewesen sein sollte! Es kommt jetzt alles nicht soooooo plötzlich und überraschend.
    Bin ich der einzige – oder ist das noch jemandem aufgefallen?? Der Vereinsführung selbstverständlich wieder zu allerletzt
    Wir müssen hier in Lev mal alle miteinander eine etwas anspruchsvollere und bissigere Haltung an den Tag legen, Freunde!!! Ponyhof gewinnt nämlich ganz sicher keine Titel!!!

  • Nachdem ich den Frust, zugegebenermaßen zum Teil auch wegen einer hohen Erwartungshaltung, nun einige Zeit habe ruhen lassen, wollte ich doch mal schnell in deine Analyse reinschauen. Etwas Abstand tut eben gut, wie es auch treffend beschrieben wird.
    Ich gehöre – und das in 95% der Fälle unabhängig vom Ergebnis – definitiv zu denen, die versuchen, diese Lethargie und dieses „verschränkte-Arme-auf-der-Plautze-und-Schmollgesicht-nach-einem-Gegentor“ zu ändern, mit 90 Minuten heiser Schreien und motivierenden Zurufe (ja,ich weiß, die Spieler können mich nicht hören). Gegen Wolfsburg haben wir noch recht lange nach dem Spiel im und ums Stadion unser neues, schönes Lied gesungen (Ich bin geboren…).
    Überhaupt finde ich sollten einige mal darüber nachdenken, was sie da eigentlich singen, wenn dann doch mal ein „Wir sind immer dabei, ob nah oder weit“ oder die Hymne über die Lippen kommt. Das steht nämlich in völligem Gegensatz zum Verhalten des, wie hier genannten, „gemeinen“ Bayerfans im Stadion und/oder in den sozialen Netzwerken. Meiner Meinung nach ist es äußerst treffend beschrieben, dass es vielen doch gar nicht um den Verein geht, dass viele die reine Existenz des Vereins nich würdigen und sich seiner Identität bewusst sind. Dass es eben nur um das eigene Ego geht. Auch wenn man von mir aus schon seit 50 Jahren Dauerkarteninhaber ist.
    Ich will deshalb gar nicht so viele Worte über die aktuelle Situation verlieren. Was gibt es da zu sagen ? „Scheiße“ beschreibt den Saisonstart doch wunderbar. Und sollen wir jetzt erstmal einen Monat diskutieren ? sollen die Jungs überlegen, ob sie überhaupt in München antreten am WE ? Sollen wir den Verein vom Spielbetrieb abmelden ? Wie sagte Pastewka als Ottmar Z. immer so schön: Was soll der Quatsch ? Immer schön ruhig bleiben, vielleicht einfach mal mit Stimmgewalt und positiver Stimmung dazu beitragen, dass die nächsten Spiele besser werden und wir werden die so heiß ersehnten Erfolgserlebnisse haben.
    Einen kleinen Punkt habe ich dennoch zu beanstanden: Dass wir viele junge Spieler haben mag sein. Ich sehe gerne über Mängel hinweg oder unkreative Phasen, vielleicht sich auch mal etwas hängen lassen. Aber das junge alter entschädigt nicht dafür, dass man keinen Einsatz zeigt. Das ist für mich fast das einzige Kriterium, an dem ich ein Spiel unabhängig vom Ergebnis für mich bewerte: Es MUSS 100% Wille, Leidenschaft, Bereitschaft, für das Trikot zu leiden, Kampfgeist und Wadenfresserei zu erkennen sein. Mit purem Kampf gegen schlechte Phasen stellen. Mehr braucht meine geschundene Fanseele nicht.

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